Das faszinierendste und geheimnisvollste Berlin beginnt oft dort, wo städtische Räume unerwartet ihre Logik ändern. Ehemalige Industriegebiete verwandeln sich plötzlich in Erholungsorte, und einst gesperrte Anlagen werden zu offenen Parks. Einer dieser Orte ist der Berliner Flughafen Tempelhof, der im 21. Jahrhundert Teil des großen Parks Tempelhofer Feld wurde. Die alten Start- und Landebahnen haben sich in Flächen für Spaziergänge und sportliche Aktivitäten verwandelt, während das ehemalige Flughafengebäude Teilnehmer verschiedenster Veranstaltungen empfängt. Mehr dazu auf berlinname.eu.
Vom Exerzierplatz zum Flughafen

Die Geschichte von Tempelhof begann keineswegs mit Flügen und der Romantik des Himmels. Ende des 19. Jahrhunderts befand sich dort ein Exerzierplatz, auf dem Soldaten marschierten. Erst Jahrzehnte später begann man auf diesem Gelände, die ersten Fluggeräte der Brüder Wright vorzuführen, und Tausende von Deutschen kamen, um zu sehen, was damals noch unmöglich erschien. An diese Ereignisse erinnern auch die historischen Fotografien von Berlin-Tempelhof.
Dieses Areal ist jedoch nicht nur für die Fliegerei bekannt:
- im Jahr 1351 wurde auf dem Tempelhofer Feld ein Friedensvertrag zwischen Berlin und Cölln unterzeichnet;
- 1722 fand dort die erste Parade der Berliner Garnison statt;
- 1909 flog das Luftschiff LZ6 des Grafen Ferdinand von Zeppelin über das Feld, was von Kaiser Wilhelm II. und 300.000 Zuschauern gebannt beobachtet wurde.
Das Gelände wurde Anfang der 1920er Jahre für den Flughafen freigegeben. Man begann sofort mit dem Bau von Hangars, einem Terminal und einem Stützpunkt für die Deutsche Luft Hansa; es wurde sogar eine eigene U-Bahn-Linie verlegt. Die Eröffnung des Flughafens Berlin-Tempelhof war ein Meilenstein für die Hauptstadt. In den 1930er Jahren überholte er Paris, Amsterdam und London beim Verkehrsaufkommen und wurde zum Symbol für die rasanten Veränderungen jener Epoche. Die Zeit verlangte jedoch nach einer moderneren Infrastruktur, und so präsentierte der Architekt Ernst Sagebiel 1934 ein Erweiterungsprojekt. Damals entstand das Abfertigungsgebäude mit einer Fläche von 284.000 Quadratmetern – das zu dieser Zeit größte Gebäude der Welt.
Tempelhof als rettende Luftbrücke

Im April 1945 rückten sowjetische Truppen auf das Flughafengelände vor. Im Juli wurde es den Amerikanern übergeben. Im Jahr 1948 wurde Tempelhof zusammen mit Tegel und Gatow während der Blockade West-Berlins zu einem wichtigen Bestandteil der Luftbrücke. Es war ein ununterbrochener Strom von Flugzeugen, die die Stadt am Leben erhielten: Lebensmittel, Kohle und Medikamente wurden eingeflogen. Ab 1950 wurde die Infrastruktur wieder für den Zivilluftverkehr freigegeben, und 1954 lag das Passagieraufkommen bereits bei 650.000 Personen.
Danach war die Geschichte von Tempelhof von verschiedenen Ereignissen geprägt:
- 1975 wurde der Flughafen für die Zivilluftfahrt geschlossen; diese Funktion übernahm der neue Flughafen Tegel;
- 1985 wurde Tempelhof wieder für die Geschäftsluftfahrt und Kleinflugzeuge geöffnet;
- 1990 kehrte er zum allgemeinen zivilen Flugverkehr zurück.
Im Jahr 1996 einigten sich der Bundesverkehrsminister, der Regierende Bürgermeister von Berlin und der Ministerpräsident von Brandenburg auf den Bau des neuen Flughafens Berlin Brandenburg (BER), was die faktische Schließung von Tempelhof und Tegel bedeutete.
Die Stadt gegen die Bebauung: Eine Entscheidung, die Berlin veränderte

Doch der wahre Wendepunkt fand nicht in den Amtsstuben statt. Im Mai nahmen Tausende von Berlinern an einem Volksentscheid teil, bei dem über das Schicksal des Tempelhofer Feldes abgestimmt wurde. Die Regierung schlug einen „vernünftigen Kompromiss“ vor: Ein Teil des Geländes sollte für neue Wohnungen bebaut werden, während der Rest der Stadt als Freifläche erhalten bliebe. Die Menschen entschieden jedoch anders. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen die Berliner den Politikern nicht mit Parolen, sondern mit Stimmzetteln ein klares „Nein“ entgegenhielten. Daraufhin wurde beschlossen, den ehemaligen Flughafen in eine riesige Parkanlage für die Erholung umzuwandeln.
Erwähnenswert ist auch ein weiteres bedeutendes Ereignis. Während der Diskussion des Gesetzentwurfs im Senat schalteten sich überraschend Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung ein. Sie veröffentlichten ihre Erkenntnisse: Tempelhof ist nicht nur ein offenes Feld, sondern de facto eine natürliche Klimaanlage für Berlin. Die riesige Freifläche speichert kühle Luft und leitet sie in die umliegenden Stadtteile weiter, was besonders an heißen Tagen spürbar ist. Würde dieses Areal bebaut, liefe die Stadt Gefahr, diese wichtige Luftzirkulation zu verlieren. Daher entschied man sich in der Hauptstadt dagegen, dieses komplexe Klimasystem zu zerstören.
Ein Flughafen, der Teil der Stadt blieb

Im Mai 2010 wurde auf dem Gelände des ehemaligen Hauptstadtflughafens der neue Park – das Tempelhofer Feld – eröffnet. Bereits am ersten Wochenende strömten rund 235.000 Berliner und Gäste der Stadt herbei, um den Erhalt dieses historischen Ortes zu feiern. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen ein Raum, der viele Jahre lang dem Takt der Flugpläne folgte, plötzlich sein Gesicht völlig veränderte.
Seitdem finden auf dem Tempelhofer Feld regelmäßig statt:
- Messen;
- Konzerte;
- Sportveranstaltungen;
- Ausstellungen;
- verschiedene Kongresse.
Zu den bemerkenswertesten Ereignissen für die Stadtbewohner gehörten das Berlin Festival, die Formel E und das „Tempelhof Sounds“. Auch für das zentrale Flughafengebäude fand sich eine neue Nutzung: Dort wurden Arbeitsräume für Künstler und Bildungseinrichtungen eingerichtet. Die Beliebtheit des Ortes wurde auch durch die Tatsache begünstigt, dass er nur etwa 5 Kilometer vom Brandenburger Tor entfernt liegt, einem ständigen Anziehungspunkt für Touristen.
Später kam es dazu, dass der ehemalige Flughafen gezwungen war, in eine weitere Rolle zu schlüpfen. Im Jahr 2015, als Europa von der Flüchtlingskrise erschüttert wurde, wandelte man zwei große Hangars in Notunterkünfte für Geflüchtete um. Damals wurden dort etwa 2.500 Menschen untergebracht. Seinen letzten tatsächlichen Einsatz als Flughafen erlebte Tempelhof im selben Jahr, als ein Privatflugzeug auf der alten Startbahn notlanden musste.
Sport und Erholung auf dem ehemaligen Flugplatz

Das Tempelhofer Feld hat sich zu einem einzigartigen Naturpark entwickelt, in dem zahlreiche Vogel- und Insektenarten heimisch sind, darunter auch solche, die auf der Roten Liste stehen. Der Zugang ist über mehrere Eingänge möglich, und der Park ist von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang geöffnet:
- im Westen – der Haupteingang am Tempelhofer Damm, direkt neben dem S- und U-Bahnhof;
- ein Nebeneingang – U-Bahnhof Paradestraße;
- im Norden – der Haupteingang Columbiadamm/Lilienthalstraße;
- im Osten – der Eingang an der Herrfurthstraße;
- zusätzliche Eingänge an der Oderstraße.
Im Park kann man die unterschiedlichsten Fortbewegungsmittel beobachten – von Fahrrädern bis hin zu ungewöhnlichen Eigenbau-Konstruktionen, die manchmal fast wie ein Teil der Landschaft selbst wirken. Manches kann man sich auch vor Ort ausleihen. Die Menschen kommen aber nicht nur zum Fahren hierher, sondern auch, um Tischtennis oder Basketball zu spielen. Und all dies geschieht auf dem Gelände eines ehemaligen Flughafens, das sich in eine riesige offene Spiel- und Sportfläche der Stadt verwandelt hat.
Das Tempelhofer Feld als gemeinsamer Freiraum

Das Tempelhofer Feld ist auch ein beliebter Treffpunkt für Drachenflieger. Auf den alten Start- und Landebahnen kommen Kinder und Erwachsene, Anfänger und erfahrene Profis zusammen. Am Himmel tummeln sich sowohl einfache, selbstgebastelte Drachen als auch riesige, professionell gefertigte Konstruktionen. Am häufigsten sieht man traditionelle Drachenformen, was dem weiten Areal einen ganz besonderen, unbeschwerten Charme verleiht.
Am Eingang am Columbiadamm gibt es ein Café und Restaurant, in dem man sich nach den sportlichen Aktivitäten entspannen oder auf Freunde warten kann. Dieser Park hat sich längst daran gewöhnt, nicht aus einer einzigen festgelegten Route zu bestehen, sondern aus einer Vielzahl unterschiedlicher Zonen, die es zu entdecken gilt.
Auf dem Tempelhofer Feld gibt es unter anderem:
- eine 6 Kilometer lange Rad-, Lauf- und Skaterstrecke;
- einen Grillbereich mit einer Fläche von 2,5 Hektar;
- eine Hundeauslauffläche von 4 Hektar;
- weitläufige Picknickbereiche.
Die Grillplätze wurden an den drei Haupteingängen eingerichtet, damit sie für alle Besucher gut erreichbar sind. Dort ist das Zubereiten von Speisen unter freiem Himmel offiziell gestattet – von Fleisch und Würstchen bis hin zu vegetarischen Gerichten. Von diesen Plätzen aus genießt man einen herrlichen Blick über das weite Feld. Auf der Seite der Oderstraße befinden sich zudem Gemeinschaftsgärten (Urban Gardening) – Parzellen, die man mieten kann, um selbst Gemüse und Blumen anzubauen. Das ist ein weiteres charakteristisches Merkmal dieses vielseitigen Parks.
Eine Aussichtsplattform, Gemeinschaftsgärten, ein Skatepark, Bildungsprogramme, Kurse und Führungen für Kinder – all das ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was hier täglich stattfindet. Das Tempelhofer Feld ist für die Berliner nicht einfach nur ein Park, sondern ein faszinierender, lebendiger Freiraum, an dem sich für jeden ein passender Platz findet.
Quellen:
