Bienenstände auf Berlins Dächern: Wie die Stadt lernte, mit Bienen zusammenzuleben

Bienen verschwinden leise, aber mit Folgen, die die Menschheit bereits zu spüren bekommt. Pestizide, verschmutzte Luft, dichte Urbanisierung und mancherorts sogar unsichtbare Mobilfunkwellen – all das verdrängt die Insekten zunehmend. Weltweit wird bereits ein Rekordtempo bei ihrem Aussterben verzeichnet, und dieses Thema wird in wissenschaftlichen Kreisen immer lauter diskutiert. Berlin hat auf diese alarmierenden Signale auf seine eigene Weise reagiert – nicht mit lauten Kampagnen, sondern mit einer wichtigen Entscheidung. Mehr dazu auf berlinname.eu.

Direkt auf den Dächern von Gebäuden haben sich Bienenstöcke angesiedelt. Das Projekt „Berlin summt!“ startete bereits im Jahr 2010 und hat sich nach und nach zu einer der interessantesten städtischen Initiativen entwickelt. In den 2020er Jahren finden sich Bienenadressen auf den Dächern historischer Gebäude, von Büros und Wohnhäusern – an mindestens 15 Standorten. Darunter befinden sich das Abgeordnetenhaus von Berlin, die Staatsoper Unter den Linden und die Humboldt-Universität zu Berlin.

Syndrom der Stille im Bienenstock: Was passiert wirklich mit den Bienen weltweit?

Schon Albert Einstein warnte Mitte des 20. Jahrhunderts vor der kritischen Abhängigkeit des Menschen von diesen Insekten, und seine Formel, wonach mit dem Verschwinden der Bienen auch der Mensch aussterben würde, ist bereits zu einem Symbol der ökologischen Angst geworden. Im Jahr 2006 begann die wissenschaftliche Gemeinschaft über ein neues Phänomen zu sprechen – das Colony Collapse Disorder (Syndrom des Völkerkollapses), bei dem ein Bienenvolk plötzlich den Bienenstock verlässt und nicht zurückkehrt, als würde es seine eigenen Existenzkoordinaten auslöschen.

Amerikanische Wissenschaftler nennen 4 Hauptursachen:

  • globale Erwärmung;
  • Viren und Varroamilben;
  • Pestizide;
  • das Syndrom des „Völkerkollapses“.

In Deutschland hat dieser Trend eine eigene, nicht minder alarmierende Dynamik. Im Vergleich zu 1952 ist die Zahl der Bienen im Land um fast ein Drittel gesunken, und einige Studien verzeichnen für die letzten Jahrzehnte einen Verlust von bis zu 75 % der Population. Das ist nicht mehr nur eine Statistik, sondern eine Veränderung der ökologischen Struktur des Staates. Am stärksten gefährdet sind weiterhin Wildbienen, insbesondere Waldbienen. Und sollte sich die Prognose bewahrheiten, geht es bis 2035 nicht mehr um Honig als Produkt, sondern um die grundlegende Fähigkeit von Pflanzen, sich fortzupflanzen. Denn zusammen mit den Bienen wird der Mechanismus der Bestäubung verschwinden, und damit auch Obst, Gemüse, Beeren, Nüsse und ein Teil der Getreideernten. Hier geht es nicht mehr nur um die Natur, sondern um ein Ernährungssystem, das auf einem äußerst fragilen biologischen Gleichgewicht ruht.

Bienen in Berlin – städtische Politik der Zukunft

In der deutschen Hauptstadt war die Internationale Konferenz zu Problemen der Imkerei, die Imker, Agronomen, Wissenschaftler, Politiker und Ökologen aus verschiedenen Ländern zusammenbrachte, ein wichtiges Ereignis. Trotz unterschiedlicher Ansätze kamen die Teilnehmer zu einem gemeinsamen Schluss: Ohne eine Reduzierung des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft und im Gartenbau lässt sich die Situation nicht ändern.

Parallel zur Arbeit der Wissenschaftler begann Berlin, den städtischen Raum umzugestalten. Im Jahr 2010 startete das Projekt „Berlin summt!“, in dessen Rahmen die Dächer von Gebäuden nach und nach in Mini-Bienenstände verwandelt wurden. Die Idee ging schnell über reinen ökologischen Enthusiasmus hinaus; große Institutionen und Unternehmen schlossen sich an. Insbesondere stellte die Deutsche Bahn ungenutzte Grundstücke mit einer Fläche von über einer Milliarde Quadratmetern für die Imkerei zur Verfügung und erlaubte Imkern, diese kostenlos zu nutzen. Der Staat unterstützte Interessenten mit Fördermitteln. Die Berliner griffen die Initiative auf und verwandelten Balkone, Innenhöfe und Dächer in Bienenstände. Auch Kurse für Hobbyimker erfreuten sich wachsender Beliebtheit.

Wie Erika Meyer die Berliner Dächer in eine neue Bienenrealität verwandelte

Foto: Imkerin Erika Meyer

Die städtische Imkerei ist in Berlin zu einem Bestandteil des Alltagslebens geworden, und zu denjenigen, die diesen Rhythmus vorgegeben haben, gehört Erika Meyer. Sie war die Initiatorin des ungewöhnlichen Berliner Trends, Bienenstöcke zwischen Betondächern aufzustellen. Ihren Bienenstand richtete die Frau in Kreuzberg ein, das von oben betrachtet wie eine dichte Betonschicht wirkt. Genau dort hält Erika 7 Bienenvölker, und dieser Ort ist für sie keineswegs zufällig gewählt.

Die Aktivistin erzählte Journalisten, dass es ihren Bienen dort wegen der Nähe zu einer Lindenallee unweit des Gebäudes gefällt. Außerdem gibt es städtische Brachflächen, auf denen saisonale Pflanzen ebenfalls auf die Bienen warten. Meyer wuchs im ländlichen Bayern auf, weshalb sie neben der Führung ihrer eigenen Bar auch als Gärtnerin arbeitete. Und als die Initiative „Berlin summt!“ startete, unterstützte sie diese sofort. Zumal es in Berlin für Interessierte überhaupt nicht schwer ist, Bienen zu kaufen.

Die Imkerin ist überzeugt, dass die Stadt für Bienen manchmal sogar vorteilhafter ist als das Dorf. Da deutlich weniger Pestizide eingesetzt werden als in der Landwirtschaft, ist der Stadthonig von höherer Qualität und ergiebiger. Von einem Bienenvolk erntet Erika etwa 40 Kilogramm Honig pro Jahr, was fast das Doppelte der in ländlichen Gebieten üblicherweise verzeichneten Mengen ist.

Honig aus dem Bienenstock: Wie in Berlin ein neues Format des urbanen Erlebnisses entsteht

Foto: Imker Hans Oberländer

Als Hans Oberländer in einer Imker-Fachzeitschrift auf eine Anzeige für das Projekt „Berlin summt!“ stieß, erinnerte er sich sofort an seine alte Leidenschaft. Für ihn wurden die Bienenstöcke auf dem Dach zu einer Möglichkeit, jenen eine Geschichte über die Natur zu erzählen, die normalerweise nur städtische Infrastruktur sehen. Oberländer ist Imker in der zweiten Generation seiner Familie, worauf er besonders stolz ist. Mit dem Aufbau des Bienenstandes auf dem Dach versorgte er sein eigenes Studentencafé „Mensa Nord“ mit frischem Honig.

Zudem hat er alles so eingerichtet, dass die Besucher das Leben der Bienen durch große Fenster beobachten können, die auf die Loggia mit den Bienenstöcken blicken. Der Besitzer plant, dieses Erlebnis zu einer regelmäßigen Veranstaltung zu machen. Zum Beispiel jeden Donnerstag offene Präsentationen für alle Interessierten abzuhalten und Exkursionen für diejenigen zu organisieren, die den Prozess der Honigernte mit eigenen Augen sehen möchten. Bei ihm kauft man gerne Wabenhonig direkt aus dem Bienenstock, da man ihn angenehm wie Kaugummi kauen kann und der Geschmack – so Herr Oberländer – „einfach fantastisch“ ist.

Warum sich 30.000 Bienen unter der Kuppel des Berliner Doms niedergelassen haben

Foto: Berliner Dom

Einer der symbolträchtigsten Orte des urbanen Experiments wurde der Berliner Dom. Unter seiner Kuppel fanden etwa 30.000 Bienen Zuflucht – eine fast unsichtbare Kolonie vor dem Hintergrund der massiven Architektur. Der Imker Uwe Mart erklärte dieses Phänomen ganz einfach: Bienen sind im Grunde Waldlebewesen, die instinktiv den Schatten von Bäumen suchen. Aber unter den richtigen Bedingungen erobern sie ebenso souverän die Höhe und den Wind der Großstadt. Er erklärte Journalisten, dass man diese Insekten lediglich mit Wasser und Nahrung versorgen müsse, und selbst ein so offener Raum wie der Berliner Dom werde für sie zu einem lebenswerten Ort.

Honig als Wirtschaftsindikator: Was der deutsche Markt hinter den Importzahlen verbirgt

Honig ist in Deutschland längst zu einer großen Wirtschaftsgeschichte geworden, in der dieses Produkt mit Containern auf den Weltmärkten verbunden ist. Die Nachfrage nach dem Produkt ist konstant hoch, weshalb die eigenen Bienen dem Land nicht einmal mehr ausreichen. Jedes Jahr ist Deutschland gezwungen, 70.000 bis 80.000 Tonnen Honig aus der ganzen Welt zu importieren – von Lateinamerika bis Asien – und belegt damit den zweiten Platz weltweit nach den USA. Dieser Strom verbleibt jedoch nicht immer im Land, da 10.000 bis 15.000 Tonnen nach der Verarbeitung in die Märkte der EU und anderer Länder exportiert werden.

Die Deutschen konsumieren im Durchschnitt etwa 1 kg Honig pro Jahr – mehr als der EU-Durchschnitt. Und dabei geht es nicht mehr nur um etwas Süßes, sondern um eine Kultur der täglichen Wahl. Das Interessanteste ist, dass der beste Honig im Land nicht von großen Einzelhandelsketten, sondern von privaten Betrieben verkauft wird. Die Ware kann auf Märkten oder direkt auf Bauernhöfen erworben werden. Und genau dieses lokale Produkt prägt den Markt, auf dem deutscher und importierter Honig in einem Verhältnis von 1:4 koexistieren. So ist der Honig von den Dachbienenständen in Berlin nicht nur zu einer wertvollen Ware geworden, sondern auch zu einem Indikator dafür, wie das Land zwischen globalem Mangel und der eigenen Qualitätstradition balanciert.

Quellen:

  1. https://www.apiworld.ru/1436599694.html
  2. http://isentsov.blogspot.com/2012/10/berlinbeekeeping2.html
  3. https://imkerei-oertel.de/?srsltid=AfmBOopuEi3JNJs5zwUZKJVfoN92gPv7JVujggEnbbreKuO9E_Ut_hFY
  4. https://recyclemag.ru/article/svet-tsveti-soborah-drugie-sposobi-ostanovit-gibel
  5. https://aussiedlerbote.de/2018/05/zhuzhzhashaya-stolica-kak-na-kryshah-berlina-poyavilis-paseki/

Get in Touch

... Copyright © Partial use of materials is allowed in the presence of a hyperlink to us.