Berlin hat der Welt viele herausragende Wissenschaftler und Denker geschenkt, doch unter all diesen Namen sticht die Gestalt von Alexander von Humboldt besonders hervor. Schon zu Lebzeiten wurde er zum berühmtesten Wissenschaftler seiner Zeit; Zeitgenossen nannten ihn den populärsten Mann nach Napoleon. Humboldt war nicht nur Geograf und Naturforscher. Er begründete die physische Geografie, die Landschaftskunde und die ökologische Pflanzengeografie und machte zahlreiche Entdeckungen in der Botanik, Zoologie, im Bergbau, in der Wirtschaft und in der Landwirtschaft. Er wurde in zahlreiche Akademien der Wissenschaften gewählt, und ein Gespräch mit Humboldt galt als intellektuelles Geschenk für Forscher aus verschiedenen Ländern. Mehr dazu auf berlinname.eu.
Ein widerspenstiger Schüler

Alexander von Humboldt wurde in Berlin zur Zeit Friedrichs des Großen als Sohn eines Offiziers der preußischen Armee geboren; seine Mutter stammte aus einer Hugenottenfamilie. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1779 übernahm die Mutter die Erziehung von Alexander und seinem Bruder Wilhelm und sorgte für eine angemessene Privatausbildung. Zu den klassischen Kursen in Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften fügte sie politische Geschichte und Wirtschaft hinzu, um ihre Söhne auf hohe Staatsämter vorzubereiten.
Alexanders Kindheit war nicht einfach. Der kränkliche und unruhige Junge lernte anfangs schlecht, träumte davon, in die Armee einzutreten, und besuchte den Unterricht nur unter dem Druck seiner Eltern. Versuche, an der Universität Frankfurt an der Oder Wirtschaft zu studieren, fesselten Alexander nicht, doch ein Jahr in Berlin änderte alles. Dort erhielt er eine ingenieurtechnische Ausbildung und entdeckte unerwartet die Botanik für sich. Humboldt begann, in den Vororten der Hauptstadt Pflanzenproben zu sammeln, ihre Klassifizierung zu studieren und tauchte allmählich in die Welt der Flora ein. Doch die bescheidene Natur des provinziellen Brandenburgs enttäuschte ihn bald und ließ ihn von fernen und exotischen Ländern träumen.
Geheimnisse der Jugend

Der nächste Schritt war die Göttinger Akademie, wo Alexander von 1789 bis 1790 studierte. Genau dort eröffnete sich ihm die riesige Welt der Wissenschaft. Den jungen Mann zogen besonders die Mineralogie und Geologie an, und er beschloss, eine fundierte Ausbildung in diesen Disziplinen an der bereits international bekannten Bergakademie Freiberg in Sachsen zu erhalten. Dort zeigte er nicht nur ein ausgezeichnetes Gedächtnis und einen unendlichen Wissensdurst, sondern auch eine unglaubliche Arbeitsfähigkeit. Die Vormittage verbrachte er in den Bergwerken, tagsüber besuchte er Vorlesungen und abends erkundete er die Umgebung auf der Suche nach neuen Pflanzen. Doch 1792 verließ Alexander Freiberg nach zwei Jahren intensiven Studiums, ohne einen formellen Abschluss erworben zu haben.
Schon einen Monat später erhielt Humboldt eine Anstellung im preußischen Bergdepartement und reiste in das entlegene Fichtelgebirge in der den preußischen Besitzungen angegliederten Markgrafschaft Ansbach-Bayreuth. Dort reiste er unermüdlich von einem Bergwerk zum anderen, reorganisierte vernachlässigte und verlassene Gruben, in denen Gold und Kupfer abgebaut wurden. Der junge Spezialist kümmerte sich nicht nur um die Leitung, sondern erfand auch eine Sicherheitslampe und gründete eine technische Schule für junge Bergleute. Doch auch der Bergbau wurde nicht zu seiner Lebenskarriere, denn Alexander träumte von großen Reisen.
An der Schwelle von Tod und Entdeckungen

Im Jahr 1797 verließ Humboldt den Staatsdienst, um sich dem Studium geodätischer, meteorologischer und geomagnetischer Messsysteme zu widmen. Zwei Jahre später brach er mit der Erlaubnis des spanischen Königs zu einer grandiosen Expedition in die Länder Mittel- und Südamerikas auf – Regionen, deren Einreise für Ausländer verboten war. Fünf Jahre lang legte Humboldt über 1.000 Kilometer zu Fuß, zu Pferd und sogar im Einbaum zurück, wobei er unglaublichen Schwierigkeiten begegnete und sich tödlicher Gefahr aussetzte. Er überlebte den Schlag eines Zitteraals und das Gift Curare und bestieg den Vulkan Chimborazo ohne spezielle Ausrüstung. Kein Wunder, dass Humboldt später als der zweite große Entdecker Amerikas nach Kolumbus anerkannt wurde.
Zusammen mit Jean-Baptiste Bonpland kehrte der Forscher mit einer riesigen Menge an Materialien in seine Heimat zurück. Neben einer Sammlung von 1.000 neuen Pflanzen erfassten die Kollegen die genaue Länge und Breite vieler wichtiger Objekte, maßen die Komponenten des Erdmagnetfeldes, führten tägliche Beobachtungen von Temperatur und Luftdruck durch und sammelten statistische Daten über die sozioökonomischen Bedingungen Mexikos. Jedes Mal, wenn er in großen Städten war, schickte Humboldt Berichte und Kopien der Sammlungen an französische Wissenschaftler und seinen Bruder Wilhelm, der ein bekannter Philologe wurde. Doch wegen der Kontinentalsperre gegen britische Schiffe erreichte der Großteil der Post die Adressaten nicht.
Von den Tropen in die sibirischen Wüsten

30 Jahre nach der südamerikanischen Expedition erhielt Humboldt die Gelegenheit, Sibirien zu besuchen. Auf Einladung des russischen Finanzministers Graf Georg von Cancrin kam er zu den Gold- und Platinminen im Ural als Berater der Regierung in Fragen der Technik und Organisation des Rohstoffabbaus. Der Wissenschaftler versprach, sich jeglicher Kommentare zur politischen Lage im Land zu enthalten, was von seiner Seite ein großes Zugeständnis war, da er den Despotismus des Zarenregimes hasste. Obwohl die Expedition nur einen Sommer dauerte, unterschied sie sich stark von der südamerikanischen.
Als Gast des Zaren wurde Humboldt von zwei jungen Wissenschaftlern und einer offiziellen Wache begleitet. Doch die anstrengenden Feierlichkeiten am kaiserlichen Hof und in den Häusern der Gouverneure sowie die Reisen in Kutschen bis zum Altai-Gebirge und zur chinesischen Grenze konnten seinen Eifer nicht dämpfen. Der Wissenschaftler sammelte sehr wertvolles Material. Die geografischen, geologischen und meteorologischen Beobachtungen, insbesondere zu Zentralasien, waren für die westliche Welt von enormer Bedeutung, da diese Gebiete damals für Europa fast unbekannt blieben.
Magnetische Stürme, elektrische Aale und die Vorhersage der ökologischen Krise

Schon vor seiner Reise nach Russland erforschte Humboldt aktiv ein Phänomen, das seine Aufmerksamkeit erstmals während seiner Südamerikareise erregt hatte – plötzliche Schwankungen der Erdachse und magnetische Stürme. Zusammen mit Assistenten führte er Beobachtungen der Bewegung eines Magnetometers in einem ruhigen Gartenpavillon in Berlin durch. Den Forscher interessierte, ob diese magnetischen Stürme irdischen oder außerirdischen Ursprungs waren, aber er verstand, dass hierfür ein weltweites Netzwerk von magnetischen Observatorien erforderlich war.
Bei der Schaffung dieses neuen Bereichs half Humboldt der deutsche Mathematiker Carl-Friedrich Gauß, der begann, gleichzeitige Messungen des Magnetfeldes in mehreren Observatorien in Deutschland, England und Schweden zu organisieren. 1836 wandte sich Humboldt an die Royal Society in London mit dem Vorschlag, zusätzliche Stationen in den britischen Kolonien im Ausland zu errichten. Das Ergebnis dieser Bemühungen waren Observatorien in Kanada, Südafrika, Australien und Neuseeland sowie die Ausrüstung einer Antarktisexpedition.
Eine vernetzte Welt

Humboldt war der Erste weltweit, der auf die fundamentale Vernetzung aller Naturphänomene aufmerksam machte. Er erforschte die Natur mit wissenschaftlicher Präzision, suchte nach Gesetzmäßigkeiten und zog Schlussfolgerungen, die man als prophetisch bezeichnen kann. Seine Begeisterung für die Natur ging mit einem tiefen Bewusstsein für ihre Verletzlichkeit einher. Als er beobachtete, wie die spanischen Kolonisatoren die natürlichen Ressourcen aus wirtschaftlichen Gründen ausbeuteten, betonte der Wissenschaftler, dass menschliche Eingriffe die etablierte natürliche Ordnung stören.
Indem er vor den verheerenden Folgen solcher Handlungen warnte, wurde Humboldt zu einem wahren Vorreiter des ökologischen Denkens und einem der Wegbereiter des Umweltbewusstseins. Dieser Wissenschaftler entwickelte sein eigenes Netzwerk von Verbindungen. Da er mehrere Sprachen beherrschte, korrespondierte er unermüdlich mit Wissenschaftlern, Philosophen und Politikern auf der ganzen Welt, teilte seine Entdeckungen und organisierte wissenschaftliche Projekte. In Russland wurde dank seiner Bemühungen ein Netzwerk meteorologischer Stationen aufgebaut, an denen das Wetter in verschiedenen Teilen des Reiches beobachtet wurde.
Ein vielseitiges Talent
In Berlin wurden Humboldts Vorlesungen zu bedeutenden Ereignissen. Für Aristokraten bedeutete die Aufnahme in den Kreis seiner Zuhörer, die eigene Bildung und Zugehörigkeit zur Elite zu unterstreichen. Humboldt besaß ein seltenes Talent: Er konnte über komplexe Dinge so erzählen, dass die Wissenschaft lebendig wurde und fesselte. Gleichzeitig hatte er ein feines Gespür für die Macht des gedruckten Wortes. Während er seine Reisen für wissenschaftliche Arbeiten dokumentierte, schickte er kurze Skizzen mit lebhaften Details an Zeitungen. Genau diese Veröffentlichungen machten den Namen Humboldt weltweit bekannt und weckten das Interesse an der Wissenschaft bei jungen Forschern.
50.000 Briefe und das Universum in vier Bänden

Die letzten 25 Jahre seines Lebens widmete Humboldt dem Schreiben des „Kosmos“ – einer der ehrgeizigsten wissenschaftlichen Arbeiten aller Zeiten. Zu seinen Lebzeiten erschienen vier Bände, in denen er einfach und verständlich den Aufbau des Universums erklärte und gleichzeitig seine eigene Faszination für die Natur vermittelte. Humboldt arbeitete beharrlich an der Logik der Darstellung und zähmte seine Neigung zu weitschweifigen Abschweifungen. Seine Bemühungen waren nicht vergebens: Das Buch wurde ein riesiger Erfolg und in fast alle europäischen Sprachen übersetzt.
Im 90. Lebensjahr, fast ohne Kräfte, arbeitete Humboldt weiter am fünften Band des „Kosmos“. Sein Gedächtnis und sein Verstand blieben bis zum letzten Tag klar; sein ganzes Leben lang schrieb der Forscher etwa 50.000 Briefe. Humboldt half jungen Wissenschaftlern und erinnerte die Welt daran, dass die Wissenschaft Unterstützung braucht. Im 21. Jahrhundert wurde diese Aufgabe von der „Alexander von Humboldt-Stiftung“ fortgesetzt, die talentierte junge Menschen fördert und ein internationales Netzwerk von Kontakten schafft.
Ein Erbe, das die Jahrhunderte überdauert

Humboldt verstarb im 90. Lebensjahr, während er am fünften Band des „Kosmos“ arbeitete. Sein Tod war ein enormer Verlust für die gesamte wissenschaftliche Welt. Der Wissenschaftler wurde in der Familiengruft im Schlosspark Tegel in Berlin beigesetzt, wo später auch sein Bruder Wilhelm, der ihm umfassende Unterstützung bot, seine letzte Ruhe fand. Dieses Schloss ist übrigens bis ins 21. Jahrhundert erhalten geblieben; dort leben Nachfahren der Familie, und ein Teil des Gebäudes wurde in ein Museum umgewandelt.
Der Beitrag des herausragenden Wissenschaftlers wurde in der wissenschaftlichen Welt gebührend gewürdigt. Der Name Humboldt wird von einer der führenden Universitäten des Landes getragen – der Humboldt-Universität zu Berlin, bei deren Gründung die Brüder halfen. In Hamburg gibt es das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium, und in Bremen liegt seit vielen Jahren ein Schiff, das 1988 nach diesem Wissenschaftler benannt wurde, auf ewig vor Anker. In der deutschen Hauptstadt gibt es auch eine Alexander-Humboldt-Straße. Und diesen Namen erhielten auch verschiedene natürliche Objekte und Subjekte. Die Pinguine Perus, die Humboldt in Lateinamerika entdeckte, Glattnasenfledermäuse, Dutzende von Pflanzen, darunter die kalifornische Lilie, das seltene Mineral Humboldtin, eine Strömung im Pazifischen Ozean, ein Gletscher in Grönland, ein Berg in Russland und sogar ein ganzes Meer – sie alle erinnern an den Mann, der die Welt in ihrer ganzen erstaunlichen Gesamtheit zu sehen vermochte.
Quellen:
