Wenn Parm und Katharina von Ohainb den Berliner Friedhof betreten, interessieren sie sich weniger für die Verstorbenen als für das, was um sie herum kriecht. Die beiden Biologen, die am Berliner Museum für Naturkunde arbeiten, sind Experten für Mollusken. Für ihr aktuelles Forschungsprojekt „Leben zwischen Gräbern“ suchen sie Schnecken auf Berliner Friedhöfen. Mehr über die Wissenschaftler und ihr Projekt erfahren Sie auf berlinname.eu.
Der Friedhof als Lebensraum

Das Berliner Forscherduo Katharina und Parm von Ohainb untersucht die Biologie auf Friedhöfen. Für ihr aktuelles Projekt, das sich mit der Erforschung von Mollusken beschäftigt, suchen sie Schnecken auf Friedhöfen. Über ihre Erfolge und Misserfolge sowie über das Verhalten der Schnecken in dieser speziellen Umgebung berichten die jungen Forscher in ihrem persönlichen Blog.
Schnecken fühlen sich in Städten mit versiegelten Betonflächen oft unwohl. Auf Friedhöfen hingegen finden sie oft noch geeignete Lebensräume. Die jungen Forscher erklären, dass Friedhöfe viele unordentliche, feuchte Ecken, Trockenrasen, Mauern und Grabsteine bieten, die als Ersatz für Steine dienen. Für viele Mollusken sind Friedhöfe nicht nur ein Ort der Ruhe, sondern auch des Lebens.
Wer lebt auf dem Friedhof?

Ein weiterer Vorteil der Friedhöfe im Vergleich zu Parks ist, dass die Menschen hier seltener und in kleineren Gruppen vorbeikommen. Die Nutzung ist also deutlich weniger intensiv als in Parks. Zudem gibt es auf Friedhöfen weniger Hunde, die frei umherlaufen. Dies schätzen nicht nur die Wissenschaftler, sondern auch die Tierwelt. So können beispielsweise Zaunkönige ihre Nester nahe am Boden bauen, ohne Angst haben zu müssen, dass sie von einem Hund zerstört werden. Auch Fledermäuse finden in Gruften Unterschlupf. Natürlich gibt es auf Friedhöfen auch typische Bewohner wie Igel, Füchse und Dachse, die auf Berlins Friedhöfen häufig anzutreffen sind.
Leben zwischen Gräbern

Was die Artenvielfalt und den Reichtum an Mollusken auf Berliner Friedhöfen betrifft, gibt es zum Beispiel in Neukölln beeindruckende Forschungsbeispiele. Je nach Größe und Art des Friedhofs finden Parm und Katharina von Ohainb dort zwischen zehn und zwanzig verschiedene Schneckenarten. Der Friedhof Buschkrugallee in Neukölln ist beispielsweise besonders reich an Schneckenarten.
Katharina von Ohainb entdeckte einst eine neue Schneckenart im Nationalpark von Vietnam. Wie sich herausstellte, lebt diese blinde Schnecke unter der Erde. Der winzige, blasse Gastropode ohne Augen ernährt sich von Schimmel. Möglicherweise dringt er in zerbröckelte Särge ein, um sich eine lebenswichtige Kalziumquelle – die Knochen – zu sichern. Die Biologin berichtet, dass diese Art bereits in alten Gräbern direkt auf den Knochen Verstorbener gefunden wurde.
Systematische Erforschung
Bevor die Arbeit beginnt, untersuchen die Wissenschaftler den Friedhof genau. Zunächst wird das Gelände mit bloßem Auge inspiziert, insbesondere zwischen Brennnesseln, Totholz und unter Efeu, wo der Boden besonders feucht ist. Anschließend wird auf Grabplatten gesucht, an denen sich Schnecken anhaften können, um Trockenzeiten zu überstehen, oder auf Moosen und Flechten, die auf den Steinen wachsen.
