Berlin ist seit Langem nicht nur für seine Kulturschätze und künstlerischen Talente bekannt, sondern auch für Wissenschaftler von Weltrang. Genau dort wurde einer der brillantesten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts geboren – der Biophysiker Max Delbrück, der zu einem der Pioniere der Molekularbiologie wurde. Im Jahr 1945 legten seine Experimente mit Viren den Grundstein für die moderne Genetik, wofür er gemeinsam mit den Mitpreisträgern den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin erhielt. Delbrück wurde nicht nur als Biologe berühmt; er war auch der erste Physiker, der ein Phänomen voraussagte, das in der modernen Wissenschaft als „Delbrück-Streuung“ bekannt ist. Lesen Sie weiter auf berlinname.eu.
Der Weg von der Astronomie zur Physik

Max wurde im September 1906 in Berlin geboren und war das jüngste von sieben Kindern in einer angesehenen und bekannten Familie. Sein Vater, Hans Delbrück, war Geschichtsprofessor an der Universität Berlin und redigierte und kommentierte viele Jahre lang politische Ereignisse in der Zeitung „Preußische Jahrbücher“. Max‘ Mutter stammte aus einer anderen bedeutenden Wissenschaftlerdynastie: Sie war die Enkelin des berühmten Chemikers Justus von Liebig.
Die Kindheit des Jungen verging im Vorort Grunewald – einem Viertel, in dem wohlhabende Professoren, Anwälte, Ärzte und Kaufleute lebten. Anfangs begeisterte er sich für die Astronomie, die Max half, seine Berufung zu finden. An der Universität Göttingen begann er ein Studium der Astrophysik, wechselte aber schnell zur theoretischen Physik, die in einer Ära, als die Welt gerade die Quantenmechanik entdeckte, die natürlichere Wahl schien. Göttingen war damals eines der Zentren der wissenschaftlichen Revolution. Dort promovierte Delbrück 1930 und baute einen großen Freundeskreis auf, aus dem Werner Brock – der spätere Honorarprofessor für Philosophie in Freiburg – besonders hervorstach.
Auf der Suche nach der wissenschaftlichen Wahrheit

Die Jahre 1929–1932 verbrachte der junge Wissenschaftler auf Forschungsaufenthalten im Ausland in Großbritannien, der Schweiz und Dänemark. Jedes Land hinterließ seine Spuren. England brachte ihm eine neue Sprache, Kultur und eine erweiterte Weltanschauung, während er in der Schweiz und in Dänemark Koryphäen der Physik traf – Wolfgang Pauli und Niels Bohr. Es war Bohr, der Max dazu inspirierte, die Biologie aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten: Der Wissenschaftler nahm an, dass die Prinzipien der Quantenmechanik auch für andere Wissenschaften von Bedeutung sein könnten, insbesondere zur Erklärung der Geheimnisse der lebenden Materie.
Diese Ideen sollten in Zukunft Früchte tragen. 1932 kehrte Delbrück nach Berlin zurück und wurde Assistent der herausragenden Physikerin Lise Meitner am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie. Er hoffte, dass er sich dort intensiv mit der Biologie befassen könnte. Ironischerweise wurde er durch dunkle Zeiten dazu gedrängt, denn mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus wurden offizielle wissenschaftliche Seminare langweilig und übermäßig ideologisiert. In privaten Treffen deutscher Physiker und Biologen reiften jedoch kühne Ideen heran. 1934 schloss sich Max einem solchen Kreis an, der vom Genetiker Nikolai Timofejew-Ressowski geleitet wurde.
Die einzigartige Entdeckung von Max Delbrück

Mitte der 1930er Jahre war der Name des jungen Wissenschaftlers in wissenschaftlichen Kreisen bereits bekannt. 1935 veröffentlichte er gemeinsam mit Nikolai Timofejew-Ressowski und Karl Zimmer eine wissenschaftliche Arbeit, die später zum Klassiker wurde – „Über die Natur der Genmutation und die Genstruktur“. Dieser Text schlug ein neues Kapitel im Verständnis der Genetik auf: Erstmals legten Wissenschaftler die Ideen über die Natur von Mutationen und die innere Organisation des Gens klar und fundiert dar. Die Arbeit erlangte sofort den Status eines Durchbruchs und wurde später zum Nährboden, auf dem eine berühmte Disziplin wuchs – die Molekulargenetik.
1937 erhielt Delbrück ein prestigeträchtiges Stipendium der Rockefeller Foundation, das ihm die Möglichkeit gab, nach Amerika zu gehen. Der Umzug in die USA war für den Wissenschaftler nicht nur eine wissenschaftliche Entscheidung, sondern auch eine Rettung, da Deutschland immer tiefer in politische Finsternis versank. Er begann am California Institute of Technology zu arbeiten, studierte die Genetik der Fruchtfliege Drosophila melanogaster und verband so seine Interessen an Physik, Biochemie und Biologie. Die bedeutendste Wende in seinem Schicksal war jedoch Delbrücks Hinwendung zur Welt der Bakteriophagen – Viren, die Bakterien befielen.
Eine weitere wertvolle Entdeckung
1939 veröffentlichte er zusammen mit dem amerikanischen Forscher Emory Ellis einen Artikel mit dem Titel „The Growth of Bacteriophage“, in dem die Wissenschaftler nachwiesen, dass sich Viren nicht allmählich wie lebende Zellen vermehren, sondern „in einem einzigen Schritt“: Nach einer bestimmten Latenzzeit „explodieren“ sie förmlich in einer massenhaften Nachkommenschaft. Diese Entdeckung veränderte das Verständnis des Begriffs „Leben“ an der Grenze zwischen belebter und unbelebter Materie. Als sein Stipendium im September 1939 auslief, wollte er nach Deutschland zurückkehren, doch dann brach der Zweite Weltkrieg aus. Der Wissenschaftler entschied sich, in den USA zu bleiben, und nahm eine Lehrtätigkeit am Physikalischen Institut der Vanderbilt University an.
Der Code des Lebens und seine Erforschung
An der Vanderbilt University machte Delbrück eine Entdeckung, die heutige Forscher als klassisch betrachten: Er beschrieb den einstufigen Wachstumszyklus von Bakteriophagen. Es stellte sich heraus, dass nach einer „Latenz“-Periode ein einziges infiziertes Bakterium bereits nach einer Stunde Hunderttausende neuer Viren hervorbringen kann. Dies war ein großer Durchbruch für das Verständnis der Mechanismen des viralen Lebens. 1943 veröffentlichte der Wissenschaftler Ergebnisse, die die wissenschaftliche Gemeinschaft erschütterten: dass mit Bakteriophagen infizierte Bakterien zu spontanen Mutationen fähig sind, die sie gegen die Viren immun machen. Diese Entdeckung legte den Grundstein für ein neues Kapitel der Genetik und die Basis für das Verständnis der Resistenz von Mikroorganismen.
1946 bewiesen Max Delbrück und Alfred Hershey, unabhängig voneinander arbeitend, dass verschiedene Virusarten genetisches Material austauschen und neue Varianten schaffen können. Was man nur bei höheren Organismen für möglich gehalten hatte, die sich geschlechtlich vermehren, erwies sich plötzlich auch als charakteristisch für primitive Viren. Diese Entdeckung veränderte die Vorstellungen von Vererbung und Variabilität in der Biologie endgültig.
Dennoch gab es im Leben von Max Delbrück nicht nur Platz für Labore und wissenschaftliche Durchbrüche, sondern auch für die Harmonie, die ihm seine Familie schenkte. 1941 heiratete er Mary Bruce, mit der er vier Kinder großzog. 1945 erhielt Delbrück die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten, und dieses Land wurde zu seiner Heimat.
Am Scheideweg der Wissenschaften

Die wissenschaftlichen Interessen des Forschers änderten sich im Laufe der Zeit. Während er in den 1940er Jahren hauptsächlich auf dem Gebiet der Molekulargenetik arbeitete, begeisterte er sich Anfang der 1950er Jahre für die Sinnesphysiologie. Es gab eine Zeit, in der sich Delbrück kurzzeitig von diesen Forschungen abwandte. Der Grund dafür war die Gründung des Instituts für Molekulare Genetik an der Universität zu Köln. Dort verwirklichte der Professor seine Idee eines interdisziplinären wissenschaftlichen Umfelds – eines Ortes, an dem mehrere Lehrstühle zusammenarbeiten und sich gegenseitig bereichern. Sein Ziel war nicht nur die Entwicklung der Molekulargenetik, sondern auch, ein Beispiel für moderne Universitätswissenschaft zu geben, die offen für Zusammenarbeit und neue Methoden ist.
In den 1960er Jahren begeisterte sich Delbrück auch für die Verhaltenswissenschaften. Ihn interessierte sogar das Verhalten von Schimmelpilzen, obwohl Versuche in diese Richtung keine nennenswerten Ergebnisse brachten. Im Jahr 1977 beendete er seine aktive Tätigkeit am California Institute of Technology, wo er den größten Teil seiner Karriere verbracht hatte, und blieb emeritierter Professor für Biologie. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Ruhe, obwohl er sein Interesse an den großen Fragen der Wissenschaft nie verlor.
Die wissenschaftliche Odyssee von Max Delbrück

Der herausragende Wissenschaftler verstarb im März 1981 in Kalifornien. Aber sein Erbe blieb bestehen. Seine Verdienste wurden bereits zu Lebzeiten gewürdigt: 1967 wurde Delbrück ausländisches Mitglied der Royal Society of London, 1970 Mitglied der Europäischen Organisation für Molekularbiologie. Nach seinem Tod wurden wissenschaftliche Institute und Auszeichnungen nach Delbrück benannt: Der Max-Delbrück-Preis wird von der American Physical Society und dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft in Berlin verliehen. Das heutige Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin setzt die Umsetzung von Forschungsergebnissen in seinem Fachgebiet fort. Dieser Wissenschaftler scheute sich nicht, Antworten auf komplexe und schwer verständliche Fragen zu suchen; er war eine Brücke zwischen Physik und Biologie. Und sein wissenschaftliches Erbe prägt auch im 21. Jahrhundert die moderne Wissenschaft.
Quellen:
