Im Süden Berlins gibt es einen Ort, wo alte Bahngleise von Moos und Wildblumen überwuchert sind, Dampflokomotiven wie Freilichtmuseumsexponate unter freiem Himmel stehen und sich neben den Ruinen der Industrie-Ära ein fast echter Wald ausbreitet. Das ist der Natur-Park Südgelände (Natur-Park Schöneberger Südgelände) – ein Raum, der auf erstaunliche Weise Natur, Kunst und industrielles Erbe verbindet. Dort erinnert jeder Schritt an die Macht der Zeit: Wo einst Züge dröhnten, singen in den 2020er Jahren Vögel und entstehen moderne Kunstinstallationen. Weiter auf berlinname.eu.
Stadt, Natur und Vergangenheit

Zwischen den zugewachsenen Gleisen des ehemaligen Rangierbahnhofs Tempelhof in Berlin erstreckt sich der Natur-Park Südgelände – ein Ort, an dem die industrielle Vergangenheit unerwartet mit der wilden Natur verschmolzen ist. Deshalb nennen die Berliner diesen Park auch den „Industriepark“. Als der letzte Zug den Bahnhof 1952 verließ, konnte sich niemand vorstellen, dass sich das Gelände der ehemaligen Depots und Gleise in eine grüne Oase verwandeln würde: Wiesen, hohe Gräser und Bäume wuchsen. Die Natur eroberte sich ihren Lebensraum schrittweise zurück, ganz ohne menschliches Zutun.
Ein Spaziergang durch den Park gleicht einer Reise durch die Zeit. Alter Stahl und Eisen erinnern noch immer an die Ära der Züge: Gleise, Wasserkräne und Lichtmasten erzählen schweigend von der einstigen industriellen Größe. Besonders beeindruckend ist die alte Lokomotive der Baureihe 50: riesig, kraftvoll und zugleich ein wenig vernachlässigt, bewahrt sie die Geschichten der Deutschen Reichsbahn. Ende der 1920er Jahre führte diese standardisierte Dampflokomotiven ein, um das Chaos an Ersatzteilen und Werkstätten zu bändigen. Und über all dem thront ein 50–55 Meter hoher stählerner Wasserturm, der einst die Lokomotiven mit Wasser versorgte.
Die Eisenbahn, die Teil der Natur wurde

Das Lokomotivdepot, das eine Fläche von 4000 Quadratmetern einnimmt, erhielt im 21. Jahrhundert ein neues Leben: Im Erdgeschoss befindet sich ein Café, während das Obergeschoss als Ausstellungsfläche dient. Das ehemalige Depot für die Brückenwartung wurde zu einem Kulturstandort, und die Lokhalle, die ihr hundertjähriges Jubiläum feierte, beherbergt Ausstellungen und andere Veranstaltungen, die diesen geschichtsträchtigen Räumen neues Leben einhauchen.
Seit 1999 wurde ein großer Teil des Parks zum Natur- und Landschaftsschutzgebiet erklärt. Besucher können das Schutzgebiet über eine Metallbrücke überqueren, die entlang der ehemaligen Gleise verläuft, und alle Entwicklungsstadien von Wald und Wiesen beobachten. Dies ist ein Ort, an dem Geschichte, Kunst und Natur zu einem einzigen, sich ständig verändernden lebendigen Organismus verschmolzen sind. Die Berliner bezeichnen den Natur-Park Südgelände als eine Reise durch Zeit und Raum, bei der man die Kraft der Natur spüren, die Geschichte der Eisenbahn entdecken und die Atmosphäre moderner Kreativität erleben kann.
Die Lokhalle – Herz des industriellen Erbes

Im Herzen des Natur-Parks Südgelände steht die Lokhalle – ein majestätisches Gebäude aus dem 20. Jahrhundert, das für die Wartung der Lokomotiven des Rangierbahnhofs Tempelhof errichtet wurde. Die riesigen Hallen mit hohen Decken und einer robusten Metallkonstruktion erinnern an das Ausmaß der vergangenen Industrie-Ära und erzählen davon, wie hier einst Züge dröhnten, Räder sich drehten und die Arbeit der Eisenbahner pulsierte. Dieses Bauwerk ist nicht nur ein Zeuge der Vergangenheit, es atmet selbst Geschichte und bewahrt den Geist der Eisenbahn und früher technologischer Innovationen.
Der Bahnhof Tempelhof und die Lokhalle waren Teil des Netzes der „Deutschen Reichsbahn“, die in den 1920er Jahren die deutschen Staatsbahnen vereinigte, und sollten die Effizienz des Güterverkehrs im südlichen Teil Berlins steigern. Die Lokhalle wurde schnell zu einem wichtigen Zentrum für die Wartung von Lokomotiven und zu einem Spiegelbild der industriellen Macht der Stadt. Hunderte von Maschinen durchliefen ihre Hallen, und die Arbeiter verfeinerten in diesen Mauern ihre technischen Fähigkeiten.
Im 21. Jahrhundert wurde der Lokhalle neues Leben eingehaucht. Experten begannen mit einer ökologischen Restaurierung, die es ermöglichte, die historischen Strukturen zu erhalten und den Raum für moderne kulturelle Veranstaltungen, Ausstellungen und Kreativstudios anzupassen. Zwei Schiffe des Gebäudes wurden gemäß den Denkmalschutzauflagen restauriert, um die Authentizität zu wahren und die Halle gleichzeitig für Großveranstaltungen nutzbar zu machen. Die Mittel für die Umsetzung des Projekts wurden vom Land Berlin und der Stiftung „SIWANA“ bereitgestellt.
Kunst, die mit der Natur wuchs

Seit 2017 haben Besucher die Möglichkeit, die Geschichte des Parks in einer Freiluftausstellung mit dem Titel „Bahnbrechende Natur“ zu erkunden. Sie erzählt von der Vergangenheit des Bahnhofs und zeigt die Vielfalt der Tiere und Pflanzen, die im Park Zuflucht gefunden haben. Im Jahr 2020 wurde die Ausstellung um 12 inklusive Exponate mit taktilen Reliefs ergänzt: Texte in Brailleschrift, Audioinformationen und schwarze Schrift. Dies ermöglicht es auch Besuchern mit Sehbehinderungen, an interessanten und informativen Führungen teilzunehmen.
Jeder Schritt im Industriepark führt von einer Erzählung zur nächsten: rostige Gleise, verlassene Depots, das Rascheln von Laub unter den Füßen, das Zwitschern der Vögel – all das schafft gemeinsam das lebendige Bild des Südgeländes, das selbst eine kleine Stadt-Natur ist. Die Ausstellung macht nicht nur mit der Vergangenheit des Bahnhofs bekannt, sondern auch mit seinen neuen Bewohnern – den Tieren und Pflanzen, die in diesem grünen Labyrinth, wo einst die Industrie herrschte, ihr Zuhause gefunden haben.
600 Meter stählerne Magie

Die Atmosphäre des Parks hat viele Künstler inspiriert. Erwähnenswert ist die Künstlergruppe „ODIOUS“, die 1982 an der Hochschule der Künste Berlin gegründet wurde. Sie hat im Südgelände ihre leuchtende Spur hinterlassen: Stahlskulpturen, ein 600 Meter langer Metallsteg, Fußgängerbrücken, Baumhäuser und Rohre. Die monumentalen Stahlkonstruktionen erinnern die heutigen Berliner an die industrielle Vergangenheit und verschmelzen gleichzeitig harmonisch mit der üppigen Natur.
Genau dieses Zusammenspiel hat den einzigartigen, faszinierenden Charakter des Parks geformt und ihn in einen beinahe verwunschenen Ort verwandelt, an dem Technik, Kunst und Natur in Harmonie leben und die Besucher immer wieder aufs Neue überraschen. Die originellen kreativen Lösungen haben den Park zu einer kreativen Bühne gemacht, auf der ein ewiger Dialog zwischen Natur und Schöpfung stattfindet.
Wilde Schönheit inmitten der Stadt

Im Natur-Park Südgelände besticht die Vegetation durch ihre Vielfalt und Unvorhersehbarkeit. Wo einst Züge dröhnten, wachsen im 21. Jahrhundert hohe Gräserwiesen und farbenfrohe Blumenlichtungen, während junge Wälder zwischen den Eisenbahnrelikten grün leuchten. Es ist eine Freude zu sehen, wie auf den Wiesen für Berlin seltene Pflanzen blühen: von zarten Wildtulpen bis hin zu zerbrechlichem Federgras. Jeder Spaziergang birgt neue Entdeckungen: Schmetterlinge tanzen über den Blüten, Hummeln summen schwerfällig von einem Stängel zum nächsten, und der Wind trägt den Duft von Kräutern und Frische herbei. Hier herrscht die Natur, und die historischen Artefakte bilden den Hintergrund.
Die Fauna des Parks ist nicht weniger faszinierend. Meisen, Spatzen und Drosseln sind häufig anzutreffen, und unter den seltenen Gästen kann man den Pirol oder das Braunkehlchen entdecken, die nicht oft vorbeischauen. Die ehemaligen Wasserkräne und Überreste alter Wasserbecken haben sich in Zufluchtsorte für Insekten verwandelt, während Eichhörnchen, Eulen und Spechte die Baumwipfel für ihre Beobachtungen wählen. Selbst im Herzen einer Großstadt hat der Park es geschafft, die Atmosphäre wilder Natur zu bewahren, in der Stille und Blätterrauschen mit der Aktivität kleiner Tiere verwoben sind.
Schutzgebiet und metallene Brücken

Für die Bewohner der Hauptstadt ist der Natur-Park Südgelände auch ein Symbol der Wiedergeburt: Eine industrielle Brache hat sich in einen lebendigen Raum verwandelt, in dem zerstörte Bahnanlagen zu einem kulturellen und kreativen Umfeld geworden sind. Der gesamte Park – von den alten Lokomotivdepots über die Stahlstege bis hin zu den Freiluftausstellungen – erinnert daran, dass Geschichte mit Natur, Kunst und modernem Leben koexistieren kann.
Dies ist ein Ort, der Künstler, Touristen und Naturforscher zusammenbringt, und jeder findet hier etwas Interessantes für sich. Für Berlin ist das Südgelände zudem ein lebendiges museales und natürliches Juwel, das die Stadt noch interessanter macht. Alle Besucher spüren die besondere Magie, die dieser Raum ausstrahlt: von den rostigen Schienen bis zum Rascheln des Grases, von den Stahlskulpturen bis zum Zwitschern der Vögel. Und das ist nicht verwunderlich, denn der Natur-Park Südgelände ist ein Ort, an dem die Vergangenheit die Zukunft inspiriert und lehrt, wie man mit dem Erbe der Vergangenheit richtig umgeht.
Quellen:
- https://www.berlin.de/tourismus/parks-und-gaerten/5062586-1740419-naturpark-suedgelaende.html
- https://gruen-berlin.de/en/projects/parks/natur-park-suedgelaende/about-the-park
- https://www.alamy.com/lokhalle-schoeneberger-suedgelaende-nature-park-prellerweg-schoeneberg-berlin-germany-image467938372.html
- https://gruen-berlin.de/en/projects/parks/natur-park-suedgelaende/art-the-environment
- https://gruen-berlin.de/en/projects/parks/natur-park-suedgelaende/development
