Flügel der Geschichte: Wie lebt die älteste Mühle der Hauptstadt – die Britzer?

Für viele Touristen, die in die deutsche Hauptstadt kommen, sind die Windmühlen inmitten moderner Stadtviertel und Straßen eine echte Überraschung. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Berlin und seinen Vororten, die später eingemeindet wurden, rund 150 Windmühlen. In den 2020er Jahren sind nur noch 8 davon erhalten: 5 Holländerwindmühlen und 3 Bockwindmühlen, die alle unter Denkmalschutz stehen. Von diesen ist nur die Britzer Mühle am Buckower Damm noch in Betrieb – die älteste funktionstüchtige Windmühle Berlins. Sie hat wie durch ein Wunder die Stürme der Geschichte, Kriege und die Urbanisierung überlebt und erinnert im 21. Jahrhundert an ein ganz anderes Berlin: ländlich, ruhig und mit dem Duft von frisch gemahlenem Mehl. Mehr dazu auf berlinname.eu.

Als die Winde Britz wählten

Die Geschichte dieser Mühle begann bereits im 18. Jahrhundert, und ihr heutiges Leben beweist, dass Industriedenkmäler nicht nur Museen, sondern auch wunderbare Kulturzentren sein können. Der Bau der Mühle in Britz wurde vom örtlichen Gutsbesitzer und Hofeigentümer Johann Reinecke initiiert. Er war es, der 1865 beschloss, in den Bau einer neuen Windmühle zu investieren, da die vorherige Mühle in dieser Gegend bereits veraltet war und den Bedarf der Bevölkerung nicht mehr decken konnte.

Der Ortsteil Britz war damals noch teilweise ländlich geprägt, weshalb der Bau der Mühle von strategischer Bedeutung war: Sie sollte nicht nur ein Produktionszentrum, sondern auch ein Mittelpunkt des wirtschaftlichen Lebens werden. Die Britzer Mühle wurde nach holländischem Vorbild erbaut, das Mitte des 19. Jahrhunderts als das modernste galt. Diese technologische Neuerung ermöglichte eine erhebliche Steigerung der Effizienz der Windmühle, da die drehbare Kappe mit den Flügeln den Wind aus jeder Richtung einfangen konnte.

Die ersten Besitzer und Müller

Die ersten Arbeiter waren Handwerker, die direkt für die Familie Reinecke arbeiteten. Den Unterlagen zufolge war die Mühle von Anfang an nicht nur Privateigentum, sondern auch ein Unternehmen mit einer offiziellen Genehmigung zur Mehlproduktion für den Verkauf. In den Registern ist vermerkt, dass die Britzer Mühle in den 1870er Jahren jährlich Dutzende Tonnen Getreide mahlte und Mehl an Bäckereien und Haushalte in den umliegenden Dörfern sowie an das wachsende Berlin lieferte. Nach dem Tod des Gründers ging sie über mehrere Generationen in den Besitz der Erben über. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die Windmühle verschiedene Pächter, die das Bauwerk für ihre Geschäftstätigkeit nutzten. Das war damals eine weit verbreitete Praxis: Die Windmühle gehörte einem Besitzer, während angestellte Müller darin arbeiteten.

In den Archivunterlagen werden mehrere Namen erwähnt, darunter Gustav Falke, der in den 1880er Jahren die Produktion leitete, und der Meister Georg-Friedrich Hansen, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts tätig war. Sie sicherten die Mehlversorgung für die Hauptstadt und die umliegenden Siedlungen, und dank ihrer Arbeit blieb die Mühle über mehrere Jahrzehnte hinweg wirtschaftlich bedeutsam.

Als die Elektrizität den Wind besiegte

Besondere Bedeutung erlangte die Mühle in den 1920er Jahren, als nach dem Ersten Weltkrieg der Bedarf an Brot in Berlin stark anstieg. Die Britzer Mühle lief damals auf Hochtouren. Ihre Flügel drehten sich fast ununterbrochen, und die Anwohner sagten, man könne am Geräusch der Windmühle das Wetter und sogar die Tageszeit bestimmen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Bauwerken, die abgerissen wurden oder verfielen, überstand die Britzer Mühle den Zweiten Weltkrieg wie durch ein Wunder. Bombenangriffe zerstörten einen Teil des Bezirks, doch die Windmühle hielt stand. Nach dem Krieg, in den 1950er Jahren, wurde sie noch mit Windkraft betrieben, verlor aber mit der Entwicklung elektrischer Mühlen an Bedeutung. Der historischen Mühle drohte das Schicksal Dutzender deutscher „Veteranen“ – der langsame Verfall.

Wieder in Betrieb

Die Anwohner und die Stadtverwaltung erkannten jedoch, dass es sich nicht nur um ein technisches Bauwerk, sondern auch um ein wichtiges Wahrzeichen des Bezirks handelte. Die Britzer Mühle wurde restauriert und in das Eigentum des Landes Berlin überführt. Doch ihr wahrer Ruhm erwartete sie im Jahr 1985, als die Mühle Teil der Bundesgartenschau wurde. Zu diesem Anlass wurde das Bauwerk restauriert: Die alten Mechanismen erwachten zu neuem Leben, das Gehäuse erstrahlte in seiner ursprünglichen Schönheit, und das ehemalige Müllerhaus, das seit 1943 in Trümmern lag, wurde nach Originalplänen wiederaufgebaut. Die Gebäude fügten sich perfekt in die Landschaft des Britzer Gartens ein und schufen eine einzigartige Verbindung aus Geschichte, Technik und Gartenkunst.

Die heutige Britzer Mühle ist die einzige funktionstüchtige Windmühle in Berlin. Ihre Flügel drehen sich wieder, und im Inneren kann man sehen, wie die authentische Windmühlentechnik des 19. Jahrhunderts funktioniert. Die Mühle mahlt immer noch Getreide – in kleinen Mengen, symbolisch, aber echt. In den 2020er Jahren hat sich die Windmühle zu einer Art Bildungszentrum entwickelt: Schulklassen werden auf Exkursionen dorthin geführt, um zu sehen, wie aus Getreide Mehl entsteht. Darüber hinaus hält die Britzer Müllerei die Flügel in Bewegung und organisiert Kurse für alle, die das Handwerk des Windmüllers erlernen möchten. Auf dem Gelände der historischen Mühle wurde zudem das Restaurant „Britzer Mühle“ eingerichtet, in dem die Vergangenheit auf die Gegenwart trifft. Dort kann man unter den riesigen Flügeln der Windmühle oder auf der Terrasse mit Blick auf den Garten aromatische Gerichte genießen.

Der letzte Zeuge der Britzer Felder

Wie jedes alte Bauwerk hat auch diese Mühle ihre Legenden. Die bekannteste stammt aus dem Zweiten Weltkrieg. Damals wurde der Bezirk Neukölln schwer bombardiert, und viele Gebäude wurden zerstört. Alten Berichten zufolge explodierte bei einem der Angriffe eine Granate so nah, dass die Flügel der Mühle versengt und das Dach beschädigt wurden, das Bauwerk selbst aber standhielt. Diese Tatsache wird auch durch Archivdaten bestätigt: Die Mühle überstand den Krieg tatsächlich mit minimalen Schäden, während viele Häuser in der Umgebung dem Erdboden gleichgemacht wurden. Deshalb begannen die Anwohner nach dem Krieg, sie die „glückliche Mühle“ zu nennen, die den Bezirk angeblich beschütze.

Eine weitere Geschichte stammt aus den 1960er und 1970er Jahren, als Berlin stark ausgebaut wurde. Die Felder und ländlichen Landschaften Neuköllns verschwanden nach und nach unter neuen Wohnvierteln, doch die Wiesen und Gärten um die Windmühle blieben erhalten. Deshalb sagten die Stadtbewohner, die Mühle sei ein wertvoller Zeuge der landwirtschaftlichen Vergangenheit. In den Stadtzeitungen jener Zeit finden sich Artikel, in denen die Britzer Mühle als der letzte Hüter der Felder bezeichnet wird. Diesen Ausdruck kann man auch in den 2020er Jahren noch von älteren Berlinern hören.

In den 1980er Jahren, während der Restaurierung, gab es in einer örtlichen Schule sogar die Legende, dass die Mühle nachts von selbst ihre Flügel dreht, wenn sie eine Windänderung spürt. Diese Geschichte wurde von Kindern erfunden, die sahen, wie die Restauratoren den Mechanismus von Hand in Gang setzten. Die Presse erwähnte diesen Vorfall später als Beispiel dafür, dass die Mühle selbst die jüngsten Stadtbewohner zu eigenen Mythen inspiriert.

Wenn die Mühle zur Hauptfigur wird

Der Deutsche Mühlentag ist ein nationaler Feiertag in Deutschland, der 1994 ins Leben gerufen wurde. Jedes Jahr am Pfingstmontag öffnen Hunderte von Wind- und Wassermühlen im ganzen Land ihre Türen für Besucher. Die Britzer Mühle in Berlin ist eine der Hauptattraktionen: An diesem Tag werden ihre Flügel in Bewegung gesetzt, um den historischen Mechanismus in Aktion zu zeigen. Es werden Führungen durch das gesamte Gebäude angeboten, und es wird Brot aus Mehl gebacken, das direkt auf den Mühlsteinen der Mühle gemahlen wurde. Alle Interessierten können nach oben steigen, die Holzbalken berühren und das Knarren der Mechanismen hören.

Die Schlange vor der Britzer Mühle, wo das frisch gebackene Brot verkauft wird, ist immer riesig. Touristen und Berliner wollen nicht nur das Gebäck probieren, sondern ein Stück Geschichte spüren, das man in den Händen halten und in warme Scheiben brechen kann. Unter den Organisatoren gibt es den Glauben: Wenn sich die Mühlenflügel während des Festes mindestens ein paar Mal durch den Wind gedreht haben, wird das Jahr sowohl für die Mühle als auch für die Gemeinschaft erfolgreich sein. Eine besondere Attraktion für Familien an diesem Tag ist die „Sendung mit der Maus“, bei der Kinder zusammen mit ihren Eltern an unterhaltsamen Workshops teilnehmen, die Mühle erkunden und spielerisch die Welt der Geschichte und Technik entdecken können.

Ein Symbol des modernen Berlins

In der Britzer Mühle werden häufig Feste gefeiert. Neben dem Deutschen Mühlentag wird die Saison traditionell am letzten Samstag im März eröffnet, der Deutsche Mühlentag am Pfingstmontag gefeiert und das Britzer Mühlenfest veranstaltet. Außerdem nimmt die Mühle am Tag des offenen Denkmals teil, der auf den zweiten Sonntag im September fällt. So ist die Britzer Mühle längst nicht nur ein Symbol des Bezirks, sondern ganz Berlins geworden – als Beispiel für den würdigen Erhalt des Kulturerbes. Denn in der deutschen Hauptstadt, die für ihre modernistische Architektur, hohen Türme und Betonviertel bekannt ist, wirkt dieses Holzbauwerk wie ein origineller Gruß aus vergangenen Jahrhunderten.

Quellen:

  1. https://www.berlin.de/tourismus/fotos/sehenswuerdigkeiten-fotos/2261065-1355138.gallery.html?page=1
  2. https://britzer-muellerei.de/wordpress/termine-fuer-veranstaltungen-an-der-britzer-muehle/
  3. https://britzer-muellerei.de/wordpress/
  4. https://www.berlin.de/museum/3127789-2926344-britzer-muehle.html
  5. https://www.britzergarten.de/erlebnisse/britzer-muehle/
  6. https://gruen-berlin.de/pressemitteilung/altes-handwerk-neues-kleid-britzer-muehle-strahlt-mit-erneuerter-holzschindelfassade

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