Dächer, die leben: Wie private Gärten Berlin verändern

Seit Jahrhunderten wächst in Norwegen Gras nicht nur auf Wiesen und Hügeln, sondern auch direkt auf den Dächern der Häuser. Grasdächer wurden zu einem Symbol der Verbundenheit mit der Natur, eine Idee, die wie durch ein Wunder seit der Wikingerzeit erhalten geblieben ist. Im 21. Jahrhundert erlebt diese Tradition eine Wiedergeburt, jedoch in einem modernen Format. Gründächer erscheinen in Deutschland, Kanada, Spanien und den USA und wandeln sich von einer ökologischen Kuriosität zur Norm in großen Städten. Und für viele Berliner ist es auch eine persönliche Geschichte. Im Stadtteil Hermsdorf beispielsweise hat das Ehepaar Tobias Mandelartz das Dach seines Hauses in einen wahren Garten verwandelt. Wo einst ein graues Dach war, wachsen nun Blumen und Sträucher, die Schatten spenden und Vögeln sowie Insekten Schutz bieten. Mehr dazu auf berlinname.eu.

Eine grüne Oase über der Stadt

Bereits in der Wikingerzeit kannten die Menschen im Norden Europas das Geheimnis eines gemütlichen Daches, das mit der Erde atmete. In Norwegen und Island wurden im 9. bis 12. Jahrhundert die Häuser mit Soden bedeckt – einer dicken Schicht aus Erde und Gras. Dies war keine modische Laune oder eine ästhetische Spielerei; das Gras auf dem Dach wärmte im Winter, schützte vor Regen und Wind und verschmolz mit der Landschaft. Sodadächer waren eine Überlebensnotwendigkeit, doch später bezeichneten Historiker sie als Vorläufer der modernen Gründächer.

Im 20. Jahrhundert begann Europa zu dieser alten Idee zurückzukehren, jedoch nicht aus Zwang, sondern auf der Suche nach Möglichkeiten zur Harmonie mit der Stadt. In den 1920er und 1930er Jahren gab es in Deutschland und der Schweiz erste Versuche, grüne Gärten auf Dächern anzulegen. Der wahre Durchbruch erfolgte jedoch in den 1970er und 1980er Jahren in West-Berlin. Es war eine Zeit, in der die Stadt nach einer neuen Identität und damit auch nach neuen architektonischen Lösungen suchte. Die lokale Regierung unterstützte die Idee und begann sogar, die Anlage von Gründächern finanziell zu fördern. Sie sollten die im Sommer überhitzte Stadt kühlen, Regenwasser zurückhalten und den Berlinern mehr Grünflächen bieten. Im Jahr 1983 wurden die ersten kommunalen Förderprogramme für Gründächer verabschiedet.

Bereits in den 1990er Jahren war Berlin europaweit führend in Bezug auf die Fläche begrünter Dächer. Seitdem gelten in der deutschen Hauptstadt klare Regeln: Jedes neue große Gebäude muss ein Gründach anlegen oder andere ökologische Ausgleichsmaßnahmen ergreifen. Dank dieser Politik kann sich Berlin im 21. Jahrhundert mit Hunderttausenden von Quadratmetern an Gründächern rühmen, die nicht nur Wohnkomplexe, sondern auch Verwaltungsgebäude und sogar Verkehrsbauwerke bedecken. Und obwohl Gründächer für Europa längst keine Exotik mehr sind, bleibt Deutschland weltweit führend in diesem Bereich, und Berlin ist sein Aushängeschild.

Harmonie aus Beton und Grün

Für den Besitzer des Dachgartens, Herrn Tobias, war der Umzug nach Hermsdorf die beste Entscheidung. Direkt hinter dem Haus liegt der Forst Tegel mit Wildschweinen, Hirschen und Rehen, und in der Nähe fließt der Tegeler Fließ, der Bibern, Eisvögeln und Kranichen ein Zuhause bietet. Im Sommer grasen Herden asiatischer Büffel auf den Wiesen. All dies erwies sich als vertraut für einen Menschen, der inmitten der Weiten des Nordens aufgewachsen ist. Tobias‘ Kindheit verging in einem reetgedeckten Haus an der Nordseeküste, unweit der dänischen Grenze. Dort gab es einen großen Garten: Apfelbäume, Birnbäume, Erdbeeren, Himbeeren, Gemüse und farbenfrohe Blumenbeete.

Die Liebe zur Gartenarbeit wurde ihm also von klein auf in die Wiege gelegt. Anfangs träumte Herr Tobias davon, einen kleinen Garten auf dem Dach anzulegen. Da man auf einem Dach jedoch nicht in die Tiefe graben kann, musste der Garten nach oben wachsen; die ersten Pflanzen wurden in Holzkisten und Töpfen gesetzt. Alles begann mit Schneeglöckchen, die bereits im Januar blühten, und dann erwachten nach und nach auch andere Blumen zum Leben. Mit der Zeit wurde auf dem Dach alles angebaut, was in Behältern Wurzeln schlagen konnte.

Städtische Natur in der Höhe

Für das Ehepaar Mandelartz ist dieser Garten mehr als nur ein grüner Raum. Er ist fast wie ein Familienmitglied, das man pflegt, über das man sich freut und das man beschützt. Jeder neue Trieb oder jede neue Blüte erfüllt sie mit aufrichtigem Stolz, so wie bei Eltern die ersten Schritte ihres Kindes. Um die Rasenfläche zu erneuern, wurde Rollrasen auf eine Drainageschicht gelegt, damit das Regenwasser leicht in die Rinnen abfließen kann. Aber das Hauptprinzip blieb unverändert – der Garten sollte natürlich aussehen, sogar ein wenig verwildert, wie auf einem ländlichen Hof. Kein perfektes Bild, sondern eine lebendige Ecke der Natur. Der Garten ist in Zonen unterteilt: Ein niedriger Zaun, Holzdecks und der Rasen grenzen den Raum ab. Töpfe mit Pflanzen sorgen für Abwechslung, und gemütliche Ecken sowie Bänke laden zum Verweilen ein.

Auf dem Dach dieses Hauses in Hermsdorf befindet sich ein wahres Wohnzimmer unter freiem Himmel, wo gelesen, gearbeitet und entspannt wird. Der Garten ist zu einem festen Bestandteil des täglichen Lebens geworden, und der Rundgang durch die Pflanzen ist ein Ritual. Jede Blume und jeder Strauch hat seine eigene Geschichte: Einige kamen nach Reisen hinzu, andere wurden eigenhändig aus einem kleinen Setzling gezogen. Im Sommer beschert das Dach zudem eine reiche Ernte: von Pflaumen und Beerensträuchern bis hin zu Tomaten, Gurken und Rhabarber.

Dieses grüne Paradies auf dem Dach erfordert jedoch auch besondere Pflege. Es gibt keine durchgehende Erdschicht, daher muss jede Pflanze in einem Topf oder einer Kiste leben. Im Frühling sind die Nächte zu kühl, und die Pflanzen erwachen später als am Boden. Im Sommer trocknet die Hitze die Erde in den Behältern sofort aus, sodass mindestens zweimal täglich gegossen werden muss. Im Winter werden alle grünen Bewohner sorgfältig mit Jute oder Luftpolsterfolie abgedeckt, um sie vor Frost zu schützen. Wenn die Besitzer verreisen, kümmert sich ein Gärtner eines lokalen Dienstes um den Garten.

Ein Dach, das atmet

Ein besonderer Stolz des Ehepaars Mandelartz ist ein kleiner Kräutergarten. Duftender Salbei, aromatischer Oregano, Basilikum, Thymian und Schnittlauch sind immer griffbereit. Für Tobias musste der Garten nicht nur schön, sondern auch nützlich sein – eine Regel, die er aus seiner Kindheit mitgenommen hat. Farbenfrohe Dahlien und andere Blumen setzen leuchtende Akzente und verwandeln die Ecke in eine wahre Farbpalette. Hier hat jedes Detail Bedeutung. Leere Flaschen und alte Holzkisten sind Teil des Dekors und schaffen einen „Shabby-Chic-Stil“ – alles sieht ein wenig abgenutzt aus, aber genau darin liegt der Charme. Anstelle eines klassischen Brunnens haben die Besitzer eine eigene Variante entwickelt: Ein zersägtes Weinfass mit einer Pumpe erzeugt ein leises Plätschern und reichert das Wasser mit Sauerstoff an. Töpfe verdecken geschickt Kabel, und kleine Mandarinenbäumchen erinnern an den Süden: Im Frühling leben sie in der Wohnung und ziehen in warmen Nächten auf die Terrasse um.

An den Wänden ranken Weinreben und Glyzinien und bilden einen lebendigen Vorhang. Und jedes Mal verändert der Garten sein Gesicht, wie ein Interieur, in dem Möbel umgestellt und neue Details hinzugefügt werden. Einen solchen Raum zu gestalten ist nicht einfach – ohne tiefen Boden benötigen Beeren und Gemüse Kisten und regelmäßige Düngung. Aber das Ergebnis ist es wert. Eine weitere Herausforderung, die den Besitzern lange in Erinnerung bleiben wird, war, wie die gesamte grüne Pracht auf das Dach gebracht wurde. Die Pflanzen und 14 massive Holzkisten wurden von mehreren starken Männern getragen, während Herr Tobias und seine Frau 5000 Liter Erde eigenhändig in den 4. Stock schleppten. Dieser Rekord-Kraftakt wurde zu einer wahren Heldentat und wird mit einem Lächeln erinnert, auch wenn er damals viel Kraft kostete.

Der Garten als Lebensstil

Auf der anderen Seite des Dachausgangs befindet sich eine ganz andere Welt – eine stille Oase, in der man sich in der Sonne aalen kann. Der Garten ist so angelegt, dass sich nicht nur Menschen darin wohlfühlen. Ab dem Frühling sind Bienen zu Gast auf dem Dach, die die Pflanzen sorgfältig bestäuben und diesen kleinen Fleck der Stadt in ein winziges Ökosystem verwandeln. Das heutige Aussehen des Gartens ist das Ergebnis eines langen Weges voller Experimente. Die Besitzer lernten, wo immer sie konnten: aus Büchern und Fachzeitschriften, aus Fernsehsendungen und dem Internet sowie aus Gesprächen mit erfahrenen Gärtnern.

Nicht alles gelang auf den ersten Versuch, aber gerade die Trial-and-Error-Methode hat diese Dachecke zu dem gemacht, was sie heute ist – lebendig, harmonisch und besonders. Der Dachgarten von Tobias und seiner Frau ist mehr als eine private Oase. Er beweist, dass persönliche Initiative das städtische Umfeld beeinflussen und die Stadt lebendiger und gemütlicher machen kann. Jede Pflanze, jeder Topf und jede kleine Ecke grüner Stille erinnert daran, dass es selbst in einer dicht bebauten Metropole möglich ist, einen Raum für Natur, Erholung und Ruhe zu schaffen.

Berlins Dächer erwachen zum Leben

Der Sinn des Konzepts Schwammstadt Berlin besteht darin, dass sich der städtische Raum wie ein natürliches Ökosystem verhält: Er nimmt bei starken Regenfällen Wasser auf und gibt es dann allmählich wieder ab. Gründächer, künstliche Gewässer und spezielle Versickerungszonen sind Teil der städtischen Strategie zur Bewältigung klimatischer Herausforderungen. Solche Projekte sind ein Vorbild für die gesamte Gemeinschaft und zeigen, dass Gründächer nicht nur eine ästhetische Zierde sind, sondern auch ein wirksames Mittel zur Verbesserung der Umweltsituation: Sie kühlen überhitzte Stadtviertel, halten Regenwasser zurück und unterstützen die Biodiversität. Berlin hat sich allmählich zu einer Stadt entwickelt, in der Architektur und Natur zusammenarbeiten, und kleine private Initiativen wie die von Herrn Mandelartz sind dabei außerordentlich wirksam. Die Stadt wird komfortabler und ihre Bewohner der Natur näher, indem sie Schritt für Schritt Betonflächen in lebendige Ökosysteme verwandeln.

Quellen:

  1. https://www.houzz.ru/statyi/houzz-germaniya-tsvetushchiy-sad-na-kryshe-v-berline-stsetivw-vs~68011835
  2. https://www.houzz.de/user/tobias-mandelartz
  3. https://aussiedlerbote.de/2022/03/zelenye-kryshi-v-berline-stanut-obyazatelny-k-2024-godu/
  4. https://rainbowecosystem.com/ru/preimushhestva-zelenoj-krovli/

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